„Algarve“… und den Orcas entwischt

Die Bucht von Sines sieht schön aus und ist eigentlich sehr gut geschützt … doch das täuscht… vom Westen kommt die lange Atlantikdünung an und schiebt sich auch in diese Bucht… nicht viel, doch das reicht um die ganze Nacht mehr als gewohnt durchzuschaukeln. So richtig guter Schlaf ist dabei nicht möglich… also verholen wir am nächsten Tag in die Marina Sines und liegen da deutlich ruhiger.Hier liegen auch zwei weitere deutsche Yachten, die Amazone mit Antje und Ingo und die Cesarina mit Emma und Dietmar. Gemeinsam verbringen wir hier ein paar schöne Tage und sitzen abends abwechselnd im Cockpit unserer Schiffe zusammen… sehr lustig und entspannt bis spät in die Nacht… Solche zufälligen Kontakte gehören mit zu den schönsten Seiten des Blauwasserlebens…

Und immer wieder Wetter… wir haben gerade mal wieder wenig Wind und der dreht die nächsten Tage auch noch auf Süd… ziemlich ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit… so kommen wir nicht weiter, doch wir haben Zeit und wollen diese nun für ein ganz besonderes Thema nutzen. Alternativen zum Wetterempfang!!!

Unsere Wetterberichte haben wir bis jetzt immer übers Internet bezogen (Wetterwelt, Windy, Windfinder und XyGrib). Das ist in Küstennähe übers Handy-Datennetz auch sehr einfach. Wenn aber bald mal länger kein Land in Sicht ist… dann geht das nur noch über Kurzwelle oder Satelliten. Für beide Möglichkeiten haben wir Equipment an Bord aber bisher nicht im Einsatz… das ist noch „Neuland“ für uns und braucht erst noch das gewisse „technische reinfummeln“. Insbesondere über Kurzwelle und Pactormodem i.V.m. mit PC und der Wetterwelt-Software ist das anfangs ziemlich tricky… und über Satellit ist es sehr teuer. Also soll die KW-Anlage nun endlich liefern. Dietmar von der Cesarina ist da ein praxiserfahrener Anwender und bietet seine Hilfe an… wir freuen uns sehr und nehmen die Hilfe dankend an. Es dauert tatsächlich gar nicht lange und die Konfiguration ist einrichtet und die ersten Wetterdaten kommen über KW rein. Super und wir sind total begeistert. Der Empfang dauert zwar deutlich länger als zu den Anfangszeiten des Internets, doch so können wir nun überall… auch mitten auf dem Atlantik unsere Wetterdaten empfangen… und sogar kleine Text-Mails versenden… grandios… 🙂   Vielen Dank Dieter… das war eine ganz tolle Hilfe für uns…:-)

Viele Fragezeichen hatten wir auch noch zu unserer Angelausrüstung… aus vielen Jahren hat sich bei uns ein großes Zubehör angesammelt und Ingo von der Amazone erklärt uns, dass wir das meiste davon am Atlantik gar nicht gebrauchen können… Ha, wie lustig… na ja, wir haben es bisher auch noch gar nicht versucht… doch dank Ingo sind wir jetzt gut informiert und werden das demnächst auch mal probieren…

Während wir entspannt im Cockpit sitzen, entsteht plötzlich Aufregung im Hafen… das Rescueboot düst mit Vollgas aus dem Hafen und das Polizeiboot mit Vollgas hinterher… da muss was passiert sein… ohje… sofort fallen uns die Orcas ein…haben sie etwa wieder zugeschlagen? Es waren ein paar Tage trügerische Ruhe und wir dachten schon sie sind endlich nach Norden gezogen… doch falsch gedacht… drei Seemeilen vor der Marina attackieren sie gerade zwei Segelyachten… und von da kommt jetzt auch der Hilferuf. Echt übel…

Beide Yachten liegen später neben uns in der Marina und berichten vom Vorfall. Sie liefen beide unter Maschine und hatten den Eindruck, dass die Orcas nur mit ihnen spielen wollten. „Tolles Spiel“, mit dem Ergebnis, dass eine Yacht einen Schaden an der Welle und das andere einen Schaden am Ruder hat. Für beide Schiffe ist die Reise damit hier erst mal zu Ende und sie müssen aus dem Wasser. Gruselig was da abgeht, doch zumindest den Crews geht’s gut und sie nehmen es mit Humor.

SY Amazone und SY Cesarina beim Auslaufen vor Sines

Wir haben dafür weniger Humor, wo wir doch wissen, dass wir da noch durch müssen. Die Amazone und die Cesarina haben schon vor Tagen beschlossen, dass sie auf die Algarve verzichten und von hier aus gleich direkt zu den Kanaren auslaufen. Doch wir wollen an die Algarve, weil in ein paar Tagen unsere Kinder mit Enkel dort ankommen und darauf freuen wir uns schon sehr. Unserem Schiff können sie eigentlich nichts anhaben… es ist ein schwerer Langkieler mit dickem Aluminiumrumpf, Kielhacke und Ruderskeg. ABER, wir haben am Heck eine Windfahnensteuerung montiert, mit zusätzlichem Ruderblatt und das könnten sie bei einem „Angriff“ beschädigen. Das wäre schade, würde uns aber nicht in Gefahr bringen. Also halten wir am Plan fest…Es bleibt noch die Frage, was ist die beste Taktik um unbemerkt oder für den Fall der Fälle ohne Schaden durchzukommen…? Viele Theorien kreisen hierzu rum… z.B. Motor und Echolot ausschalten, Beidrehen oder Segel runter nehmen und treiben lassen….. Beiboot hinterher ziehen, damit sie lieber damit „spielen“…. bei Annäherung ein in Diesel getränktes Handtuch hinterher ziehen… usw…

Wir glauben, dass sie primär Segelyachten angreifen, die unter Motor laufen…, einfach deshalb, weil diese weit zu hören sind und sie so eher anlocken… es gibt natürlich keine Sicherheit, wenn man auch unter Segeln zufällig in ihre Nähe gerät… dann wären sie genauso da, um mit ihrem gefährlichen „Spiel“ Schaden anzurichten… Wir wollen also primär segeln, was ja ohnehin besser ist… NUR, der Nordwind lässt weiter auf sich warten…. und die Thermik kommt immer erst am Nachmittag und hält auch nur bis abends… hmm…

Mittwoch, 15.09.21: Ab Nachmittag soll wieder leichter Nordwind kommen, der mit etwas Glück die Nacht durchsteht… Wir haben rund 60 Seemeilen vor uns, da wir mindestens um das Cabo de Sao Vicente rum müssen, bevor wir wieder einen geschützten Ankerplatz oder Hafen finden… also Nachtfahrt und dafür besser erst abends los, damit wir erst dann am Ziel ankommen, wenn es wieder hell wird… ok, also los…

Wir laufen um 17:30 Uhr aus… der Wind kommt raum (schräg von hinten) und soll später sogar auf achtern (ganz von hinten) drehen… also ist unser Parasail wieder die beste Wahl und eine halbe Stunde später steht es wieder…. Diesmal nicht ganz optimal, da der Wind schwach und die Welle schauklig ist … aber es geht so mit durchschnittlich 4 Knoten weiter südwärts… Wir gleiten mitten durch das Gebiet wo am Vortag noch Orcas waren. Bange Fragen kreisen im Kopf… sind sie noch da… werden sie uns bemerken… kommen wir da gut durch… was ist wenn sie auftauchen… wie wollen wir reagieren…??? Wir wollen jedenfalls bei einem Angriff das Parasail stehen lassen und nur den Autopiloten ausschalten… dann gibt’s zumindest keine Steuerungs-Geräusche am Heck… mal sehn was passiert und ob das gut geht…

Angespannt gleiten unsere Blicke über das leicht aufgewühlte Meer… die Sonne steht bereits tief und ihr gleißendes Licht glitzert auf dem Wasser… eigentlich eine sehr schöne Szenerie… aber diesmal genießen wir es nicht so wie sonst… Daa…., was war das…. etwas hat backbords kurz die Wasseroberfläche geritzt… ein Delfin… ein Hai… oder ein Orca…???… nur eine Rückenflosse kann sowas erzeugen… unsere Blicke suchen das Wasser ab…. nichts mehr zu sehen… doch dann !!!… drei Rückenflossen parallel.. auf und weg… und dann kommen sie mit halben Körper aus dem Wasser und blicken uns an, bevor sie elegant wieder abtauchen…. DELFINE !!!….. yuhuuuu… wo Delfine sind sollen keine Orcas sein…. und es werden immer mehr…. yeahhh…. Backbord… Steuerbord… am Bug… schnaufend hinterm Heck… auch weiter weg… ringsum sind plötzlich überall Delfine…. sie schwimmen scheinbar kreuz und quer…

Es sind die ganz großen Tümmler die bis zu 7 Meter lang werden können… aber auch ganz kleine sind dabei, also auch Jungtiere die von den Großen beschützt werden…. Wir glauben unseren Augen nicht trauen zu können… das müssen ja mehrere hundert Delfine sein… wir sind mittendrin und wir haben quasi einen riesigen Schutzwall gegen alle Feinde um uns rum… wow, unglaublich… In diesem Umfang haben wir sowas noch nie erlebt…. Und jetzt springen sie auch noch aus dem Wasser… drehen sich teilweise und klatschen mit dem Rücken wieder auf… auch sowas haben wir noch nicht live gesehen… ich denke spontan an Flipper… eine Kindersendung die ich früher sehr gern angesehen habe…. Das hier ist jetzt eine echte und ganz private Live-Show für uns und unsere LADY BLUE… herrlich…. und das Spiel geht so fast eine Stunde lang… bis die Sonne schon kurz vorm Untergang steht…. Dann kehrt Ruhe ein und wir sind völlig verzaubert…. wow… was für ein tolles Erlebnis…

Die Sonne geht unter und taucht den Horizont in gelbrotes Licht, das in einer breiten glitzernden Bahn bis zu uns reicht… die Straße in die Unendlichkeit…. 🙂

Mit zunehmender Dämmerung fängt auf der anderen Seite das Meer an zu glitzern … das kann nur der Mond sein, der für uns unbemerkt hinter der großen Parasail-Blase aufgegangen ist… und so ist es auch…. Wir haben fast Vollmond und eine helle Nacht… gespenstisch leuchtet er durch das große weiße Segel und weist uns den Weg… toll… 🙂

Es bleibt aber leider nicht so toll…. das wäre ja auch zu schön… der Wind schläft ein und wir müssen das Segel leider um 02:00 nachts bergen. Was nun?… da bleibt nur der Motor, den wir widerwillig starten um wieder auf Zielkurs zu kommen. Wir sind jetzt fast 40 Seemeilen weg von Sines und die Hoffnung ist groß, dass wir das Orca-Gebiet bereits verlassen haben.

Unbehelligt passieren wir um 05:45 Cabo de Sao Vicente und biegen quasi um die Ecke zur portugiesischen Südküste… der Algarve. Ganz langsam kommt die Morgendämmerung und im ersten Morgenlicht fällt um 06:50 unser Anker in der Enseada de Sagres auf 9 Meter Tiefe. Geschafft… yeahh… wir sind den Orcas entwischt… 🙂   Ab in die Koje, noch ne Runde schlafen und dann das herrliche Panorama der steilen Felsenküste vor dem schönen klaren Wasser genießen… 🙂

Einen Tag relaxen und dann segeln wir weiter Richtung Lagos, vorbei an einer tollen, wild zerklüfteten Küste, mit kleinen Sandstränden dazwischen und einzelnen hohen Felsspitzen davor…. lauter Postkartenmotive. Die Stadt Lagos soll sehr schön sein aber auch sehr touristisch. Wir wollen gerne ankern und nicht in die teure Marina, doch vor Lagos steht eine starke Wind-Düse… also segeln wir noch ein paar Meilen weiter Richtung Portimão und ankern dort im Arade-Fluss vor Ferragudo… einem kleinen Fischerdorf gegenüber von Portimão. Hier hat man zwar ein bisschen Schwell von den vorbeifahrenden Ausflugsbooten und Fischern, doch abends und nachts ist es schön ruhig und geschützt.

Blick von Ferragudo auf das Ankerfeld vor Portimao

Spannend und unbedingt zu beachten ist hier jedoch die Tiden-Strömung, mit der sich die Schiffe mitdrehen… Anker also gut einfahren, ausreichend Kette geben und genügend Abstand zu anderen Schiffen halten, insbesondere zu Yachten die an Bojen liegen, da diese einen kleineren Schwojkreis haben. Eine andere große Yacht, die das nicht bedacht hat, geht auf Drift und kracht auf den Bug unserer LADY BLUE… Das ist bei unserem Schiff die stärkste Stelle, wo auch noch unser Zweitanker vorsteht und so entstand bei uns zum Glück kein Schaden…

Portimão hat sehr gute Versorgungsmöglichkeiten und wir haben das Glück hier Alf und Susi von der SY SUSE kennenzulernen. Sie ankern neben uns, haben ein Auto hier und wir dürfen zum Einkaufen mitfahren. Toll, vielen Dank ihr beiden… Alf zeigt mir auch, wo wir neue Zündkerzen für unseren Außenborder bekommen. Unser Außenborder will trotz Reinigung von Vergaser und Zündkerzen nicht mehr richtig laufen… Mit den neuen Zündkerzen läuft er jetzt wieder super…. yeahh….

Vergaser-Reinigung vom Außenborder

Ferragudo muss man unbedingt näher ansehen… sehr schön und es gibt nur wenig Touristen… alles sehr entspannt und gute Restaurants… Aber auch hier gibt’s noch eine Besonderheit zu beachten… Wir machen abends mit unserem Beiboot an der Pier bei den Fischern fest. Das sieht noch prima aus… und genießen nach einem ausgiebigen Rundgang ein leckeres Dinner auf dem großen Dorfplatz mit mehreren Restaurants… auch prima… Zurück zum Pier… es ist schon dunkel… ohh, was ist das?… unser Beiboot liegt fast auf dem Trockenen und bewegt sich nicht mehr…. ahrrgh… es ist gerade Springtide und jetzt Ebbe… das haben wir nicht bedacht… doof… und nun, hmm… 3 Stunden warten oder ins Wasser steigen und das Beiboot freiziehen…. Na also dann lieber letzteres… und auch klar wer das machen muss…. 😉

Dienstag, 21.09.21… auf zur letzten Etappe um unsere Kinder und Enkel zu treffen… Wir fahren weiter nach Albufeira, dem nächsten Hafen und auch hier vorbei an einer sensationell schönen Steilküste, mit bizarren Felsen und dazwischen kleinen Sandstränden… sehr schön- Und wir haben schon wieder Glück mit den Delfinen… ich erschrecke sogar richtig, wie plötzlich neben dem Schiff einer auftaucht und kräftig auspustet…. haah…., wie lustig und schön…

In Albufeira bekommen wir den „angeblich“ letzten freien Platz (wir haben uns telefonisch angemeldet) und manövrieren, unter Winken eines Marinieros, vorsichtig in den sehr engen Gassen in unsere Box. Das ging besser als erwartet und jetzt freuen wir uns auf unseren Besuch…. 🙂

4 Gedanken zu „„Algarve“… und den Orcas entwischt

  1. Hallo Ihr Zwei! Ich fiebere und freue mich mit euch.. Toll zu lesen, dass bisher alles so toll läuft. Herzliche Grüße aus NRW. Matthias

  2. Hallo ihr beiden, das war mal wieder ein spannender Bericht! Wir sind beruhigt, dass ihr vorerst den Orcas entkommen seid. Allerdings sollen auch südlicher bis zur Straße von Gibraltar noch einige lauern. Hoffentlich bleibt euch euer Glück erhalten. Und auch schön zu lesen, wie die Yachties sich gegenseitig helfen! Schließlich braucht jeder einmal eine Hilfe. Jetzt wünschen wir euch viel Spaß mit Kindern und Enkeln. Noch haben sie es nicht allzu weit ………
    Liebe Grüße
    Karin und Wilfried, La Surprise

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