Roscoff… und ein letzter Abschied

Dieppe war sommerlich warm und sehr schön… doch wir wollen ja weiter… und dazu brauchen wir Wind… der aber ließ auf sich warten. Die gleiche Hochdrucklage die uns dieses schöne Sommerwetter bescherte, sorgte auch für den fehlenden Wind… und so werden es 4 Tage, die wir in Dieppe verbringen. Dabei lernen wir auch ein paar Crews von anderen Schiffen kennen, die auf der gleichen Route sind wie wir… prima, denn wir werden uns bestimmt noch öfter treffen…

Mittwoch, 21.07.21: Der Wetterbericht hat ab 23:00 Wind aus der richtigen Richtung angesagt… endlich… zwar nur 10 Knoten, doch zunehmend und dann ist es auch für unsere schwere LADY ausreichend. Wir beschließen abends um 20:00 auszulaufen, da es zeitlich auch gut mit der zu erwartenden Tiden-Strömung zusammenpasst. Ziel mindestens Cherbourg und wenn’s gut läuft dann weiter bis Roscoff. Also mindestens eine Nachtfahrt. Das passt gut und Marcus ist eine tolle Unterstützung… so ist es mit den Nachtwachen auch ganz easy. Mit uns läuft auch noch die Thetis von Ellen und Stefan mit dem gleichen Ziel aus… Immer schön, wenn man noch einen zusätzlichen Kontakt auf See hat.

Noch liegt das Meer spiegelglatt und bleiern vor uns… in ein paar Stunden soll der Wind kommen… hoffentlich… solange motoren wir langsam in die Nacht hinein… Ein herrlicher Sonnenuntergang spiegelt sich auf dem glatten Meer… alles sehr sanft und ruhig… nur das Brummen des Motors stört… Wo bleibt er nur der Wind… nichts kräuselt sich auf dem Wasser… nichts kündigt ihn an… also weiter motoren… leider die ganze Nacht…

Dann am nächsten Morgen… endlich kommt er… 8-10 Knoten… nicht viel aber vielleicht was für unser neues CodeZero-Segel… das probieren wir gleich nach dem Frühstück aus… Der Wind dreht leicht, fällt viel zu raum ein und lässt auch wieder nach… so wird das nix… Nach einer halben Stunde holen wir das Segel wieder ein und motoren weiter… na ja… einen Versuch war‘s wert. Aber dann gegen Mittag… endlich !!! …wir baumen beide Genuas aus und segeln fast platt vor dem Wind… das läuft fast so schnell wie unter Motor… yeahh, so kann’s weitergehen…

Und es geht so weiter… der Wind nimmt bis auf 16 Knoten zu und wir rauschen mit der passenden Tiden-Strömung mit 8-9 Knoten Speed dahin… wunderbar. Um 14:30 haben wir Cherbourg backbord querab und unser Mindestziel erreicht… da es aber so gut läuft, nutzen wir diese Gunst und lassen es weiter laufen…

Das „Cap de la Hague“ können wir so noch mit der Strömung runden, was hervorragend ist, da die Strömungen nach dem Cap in Richtung Kanalinseln bis zu 6 Knoten gegenan sein können …das ist dann nicht mehr lustig, zumal sich dabei auch sehr starke Wasserturbulenzen entwickeln… Bei uns passt aber alles und es geht mit sehr angenehmen Schiffsbewegungen in den Abend… wir können sogar mit ausgeklappten Cockpittisch entspannt unser Abendessen beim Sonnenuntergang genießen… was für ein schöner Moment und wir sind klar für die zweite Nacht. Doch es soll nicht so bleiben… der Wetterbericht sagt zunehmenden Wind an und für den frühen Nachmittag des nächsten Tages Gewitter mit Regen und Starkwind. Da sind wir dann hoffentlich schon im Hafen…

  • Gegen 22:00 Uhr dreht der Wind auf Ost und eine der beiden Genuas fällt ein… also entweder Kurs ändern oder die Segel. Wir nehmen die kleine Genua und beide Bäume weg und setzten das Groß dazu… so sollte es passen und wenn es nachts wirklich stärker bläst, können wir die GE einfach wegrollen. Mit dem letzten Tageslicht steht die neue Segelstellung und die erste Nachtwache beginnt…

Es ist 02:00 morgens als der Wind deutlich auffrischt und auf über 20 Knoten ansteigt… zeitgleich sorgt ein großer Fischkutter mit wechselnden Kollisionskursen für Unruhe… die Wellen sind deutlich höher geworden und die Strömungen die Wind gegen Tide hervorrufen sind deutlich spürbar… So schnell kann ruhiges Segeln auch wieder vorbei sein… Wir reffen die große Genua um mehr als 2/3 weg und peilen angestrengt den Fischer… und langsam entspannt sich die Lage wieder. Später hören wir von anderen Crews ähnliche Erfahrungen mit den Fischern in dieser Gegend… man könnte fast meinen, dass es keine Zufälle sind… jedenfalls sollte man hier immer gut Ausschau halten!

Gegen Morgen nimmt der Wind wieder etwas ab und wir können wieder voll ausreffen. Wenig Schiffe sind zu sehen aber eines ist etwas ganz Besonderes… es ist die Bureau Vallée 2, der IMOCA-Gewinner des Vendée-Globe 2016 und Dritt-Platziere der Vendée Globe 2021. Mit seinem Speed können wir zwar nicht mithalten, doch es läuft gut und wenn’s so bleibt, können wir fast 2 Stunden früher als erwartet Roscoff erreichen.

Tatsächlich… wir schaffen es, bergen die Segel im Vorhafen und bekommen vom Hafenmeister einen guten Platz im Hafen zugewiesen. Dieser liegt allerdings in der hintersten Ecke vom ersten Steg und der Wind steht quer drauf… also Vorsicht und ganz langsam!!!… wir kommen gut rein und ein paar helfende Hände unterstützen uns vom Steg aus. Prima und wir freuen uns, dass wir gut fest sind.

Nur 15 Minuten später beginnt es leicht zu regnen… wie schön, dass wir schon sicher und im trockenen sind. Es sollte aber wie angekündigt noch mehr werden… Nach einem kleinen Windverschnaufer briest es dann richtig auf… der Wind pfeift durch den Hafen und die Schiffe neigen sich zu Seite. Für die jetzt reinkommen Yachten wird es spannend… es ist Hafenkino angesagt… und wir sehen das Unheil in Zeitlupe kommen. Eine einfahrende Yacht scheint die Situation nicht im Griff zu haben, fährt viel zu schnell und kommt den seitlichen Schiffen immer näher… die Nackenhaare stellen sich auf… man mag gar nicht hinsehen… das geht nicht gut… ein Versuch zum Drehen scheitert und sie touchiert drei festliegende Yachten… es kracht schaurig und alle wollen helfen… aber wie….? Jetzt kommt sie in unsere Richtung und hält mit dem Bug mittschiffs auf das hinter uns liegende Schiff zu… es droht großer Schaden… der Skipper der Unglücksyacht gibt nun endlich stärker rückwärts… Abstand nur noch ein halber Meter… drei Männer drücken den Bug vom hinter uns liegenden Schiff mit aller Kraft weg… damit nähert er sich allerdings unserem Heck bis auf weniger als 1 Meter… wir drücken mit vereinten Kräften auch von unserem Heck weg und dann endlich die dringend benötigte Hilfe… der Hafenmeister hat mit seinem starken Schlauchboot die Yacht am Haken und zieht sie langsam in die Hafenmitte… Puhh… Glück gehabt…. aber das Spiel ist noch nicht zu Ende… kurz drauf kracht die Yacht rückwärts auf der gegenüberliegende Seite mittschiffs in eine weiter Yacht… und dann irgendwann hat das Ziehen und Bugsieren mit dem Hafenmeister-Schlauchboot Erfolg und die Yacht ist endlich fest. Andere Yachten sind in der Situation im Vorhafen geblieben bis der Wind nachlässt… das war sicher die bessere Variante…

Der restliche Tag verfliegt schnell und wir genießen noch einen letzten gemeinsamen Abend, denn morgen muss Marcus leider zurück nach Hause… ein langer Weg steht ihm bevor, beginnend mit dem Bus von Roscoff nach Morlaix, dort weiter mit dem Zug nach Paris, von Paris über Frankfurt nach Hamburg…ca. 15 Stunden Reisezeit. Der Abschied am nächsten Morgen fällt schwer… doch es nutzt nix und mit dem ersten Morgen-Bus geht’s für Marcus zurück nach Hause wo ihn seine Frau und sein Sohn schon sehnsüchtig erwarten… alles klappt prima und für uns geht die Reise nun allein weiter…

Roscoff ist ein schöner kleiner Ort an der Nordküste der Bretagne… mit einem sehr ursprünglichen Charme…  viele sehr alte kleine Häuser, überwiegend noch in der damaligen Naturstein-Bauart ohne Putz und sehr gut erhalten oder renoviert… ein typisch bretonischer Ort in dem die Zeit stehen geblieben scheint.

Vom Hafen aus fährt ein Bus zum Ort und macht darüber hinaus eine kleine Rundtour durch die umliegende Gegend… für Gäste kostenlos, was ein sehr schöner Service ist (er hält auch direkt vor einem außerhalb liegenden großen Supermarkt). Wir nutzen ihn und genießen den Ausblick und einen anschließenden leckeren Imbiss im Hafen.

Zurück an Bord holen wir uns den aktuellen Wetterbericht und sehen für den nächsten Tag ein gutes Wetterfenster für die weitere Fahrt. Der Atlantik liegt vor uns… und wir wollen gerne nach Camaret sur mer, was für uns der ideale Absprungort für die Biskaya-Überquerung sein soll…

2 Gedanken zu „Roscoff… und ein letzter Abschied

  1. Hi ihr Lieben,
    es war wirklich schön euch ein Stück auf eurer Reise begleiten zu dürfen.
    Wir hatten eine tolle Zeit zusammen von Cuxhaven nach Roscoff und ich freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen in wärmeren Gewässern 🙂
    Gute Reise und passt auf euch auf.
    Antje, Marcus und Marlon

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