Servus Deutschland… „Kurs West“

Cuxhaven, 06.07.21: Der Hafen von dem aus viele Schiffe Deutschland verlassen… schön wäre auch Helgoland gewesen, doch da wir schon Anfang Juli haben, wollen wir lieber mit der nächsten Ostwindlage nach Westen segeln. Bis zum Wochenende soll der Wind drehen und dann geht’s los… yeahh..

Ein paar Tage bleiben also noch und so beschäftigen wir uns mit den letzten offenen ToDo’s… Update für unsere Plotter, alle Raymarine-Geräte und die neue Wettersoftware. Geduld ist mal wieder gefordert, da die Downloadrate im Hafen sehr niedrig ist und bei rund 2 GB einige Stunden vergehen… auch die Installation hat ihre Tücken… und beim Üben mit der Wettersoftware vergehen weitere Stunden ruckzuck…

Dann die erste ungeplante Überraschung… ich klappe unser Steuerbord-Solarpanel hoch und knack ist eine Relingsstütze gebrochen… unter der Schweißnaht zur neuen Reling einfach ab… uups… das hätte ich nicht erwartet… doch bei genauer Betrachtung eine vorprogrammierte Schwachstelle, da das kurze achtere Relingsrohr nur auf dieser einen Stütze steht und vorn und hinten an den alten Relingsdrahtösen nur eingespannt ist.

Das war eine blöde Idee und kann so nicht bleiben… nur woher jetzt einen Handwerker bekommen der schweißen kann…? Die Suche schluckt viele Stunden und ist erst am nächsten Tag erfolgreich… die Fa. „Gall & Seitz“ schickt kurzfristig einen Schweißer. Super!!! Bei der Gelegenheit werden die nun erkannten Schwachstellen an der Reling ringsum nachgeschweißt… und alles wird hervorragend erledigt… jetzt ist alles bombenfest… da sollte nun nix mehr passieren. Diese Firma können wir sehr empfehlen.

Marcus und Antje kommen mit unserem Enkel erneut an Bord und wir verbringen zwei schöne Tage…. Marlon unser Enkel ist dabei natürlich wieder der Mittelpunkt und sein energiereicher Entdeckerdrang fordert abwechselnd unsere ganze Aufmerksamkeit… ungewohnt aber schön…

Samstag 10.07.21: Marcus wird uns die ersten beiden Wochen begleiten und der Abschied von Antje und Marlon fällt schwer… auch ein paar Tränen fließen… doch dann erneut Leinen los… rund eineinhalb Stunden nach Hochwasser verlassen wir um 16:00 Cuxhaven und fahren auf die Elbe raus… mit der ablaufenden Tide geht’s schnell elbabwärts der offenen Nordsee entgegen. Wir fühlen erstmals deutlich… jetzt geht’s tatsächlich richtig los…

Der Plan, ist in einem Rutsch die Ost-und Westfriesischen Inseln und auch die Traffic-Zone bei Rotterdam zu passieren. Also mindestens bis Belgien oder bei gutem Wind sogar bis Frankreich. Der Wind lässt allerdings sehr zu wünschen übrig… er kommt zwar aus der richtigen Richtung, doch löchrige 5-9 Knoten von achtern sind für unsere schwere Lady nicht viel… und so müssen wir den Großteil der Strecke motoren… das ist schade… aber was soll’s… Hauptsache erstmal eine wichtige Strecke nach Westen schlucken…

Die erste Nacht ist sehr schauklig und wir finden wenig Schlaf… wegen Neumond auch stockdunkel… aber Leuchtfeuer und andere Schiffe sind gut sichtbar. Am nächsten Tag dann eine schöne Begegnung auf See… unser Freund Armin holt mit seiner Crew sein neues Schiff aus den Niederlanden ab… wir treffen uns querab von Terschelling auf See…. er hält unter Motor direkt auf uns zu und wir dachten schon… wer kommt denn da, der scheinbar nicht ausweichen will… lustig… und die Nebelhörner tuten um die Wette…

Die zweite Nacht deutlich ruhiger und wir werden mit einem unglaublich starken Meeresleuchten belohnt… so stark haben wir es lange nicht mehr gesehen… faszinierend schön…. kommt auf den Fotos aber lange nicht so stark raus…

Montag, 12.07.21: Sechs Stunden schönes und schnelles segeln und dann verlässt uns der Wind wieder. Der neueste Wetterbericht sagt auch wenig Wind für die nächste Nacht voraus und zusätzlich für den Abend auch noch Starkregen. Die Inseln und die breite Traffic-Zone von Rotterdam haben wir hinter uns… also fällt die Entscheidung für Belgien und wir nehmen Kurs auf Zeebrugge…

Wenige Meilen vor dem Hafen zieht sich das Wetter zu… Seenebel kommt auf und Starkregen setzt ein… wir schalten das Radar dazu um besser auch Schiffe ohne AIS zu sehen…. doch dann passiert etwas Unglaubliches, was für uns zu einem Mega-Stresstest wird. Auf einen Schlag fallen alle Navigationsgeräte einschließlich Tiefenmesser und Autopilot aus… uns bleiben nur noch das Funkgerät, der Magnetkompass und die immer bereitliegenden Papierseekarten… Schock !!!… ausgerechnet jetzt und hier… keine Sicht… Untiefen… viel Schiffsverkehr… und nun?…. was tun?… ein Check der Sicherungen ergibt keine Erklärung… alles ok und trotzdem kein Strom… ratlos… ächtz… die ersten Schweißperlen auf der Stirn… 1.000 Gedanken schießen durch den Kopf… in welche Richtung geht’s zum Hafen… letzter Kurs 180°… manuelle Steuerung langsam voraus… wie weit und in welcher Richtung wird es flach?… scharf Ausschau halten!… sollen wir eine Securite-Meldung über Funk absetzen?… Nebelhorn klar!… oder was? …erstmal unbedingt ruhig bleiben… was haben wir noch… ahh das Handy mit der Navionics-App drauf… ok eine Notlösung… funktioniert… durchatmen… danach sind wir wieder auf Kurs… „Spielzeug-Navigation“ aber besser als nix… Wir rufen unseren Freund Dieter an… ein super Handwerker, der uns den entscheidenden Tipp gibt… wir überbrücken zwei Plus-Schienen am Schaltpanel und haben den Großteil unserer Instrumente zurück… nur die beiden Plotter wollen nicht mehr. Egal das reicht jedenfalls um in den Hafen von Zeebrugge zu kommen… (Nachtrag: Unsere Meinung zur o.g „Spielzeug-Navigation“ haben wir inzwischen geändert… diese Möglichkeiten sind inzwischen eine sehr gute und zuverlässige Ergänzung/Unterstützung).

Anmeldung über Channel 71 und dann an den Visitor-Steg. Dort werden wir vom Hafenmeister empfangen und bekommen einen prima Liegeplatz. Geschafft. Was für ein Abenteuer. Darauf hätten wir gerne verzichtet… doch auf See und vor Gericht ist eben alles möglich…

Repariert wird morgen… es ist bereits 21:00… jetzt erstmal ordentlich Anti-Stressgetränke tanken und den Adrenalinspiegel runterfahren… hoch die Tassen, auf das alles gut gegangen ist… das gelingt ganz gut und die Nachwehen merken wir am nächsten Morgen… auch egal, dass musste sein…

Nach dem Frühstück ist Fehlersuche und Reparieren angesagt… was nur ist die Ursache für diesen kapitalen Ausfall… doppelte Systeme und trotzdem alles weg… genau so sollte es nie passieren. Dieter wusste Rat… er berät uns telefonisch hervorragend und danach sind wir in der Lage den Fehler zu finden und zu beheben. DANKE Dieter. Letztlich war es ein Kabelbruch zum neuen Plotter, der einen neuen Wandler für das neue getrennte Navigationsnetz durchbrennen ließ… eine sicher seltene Kettenreaktion doch das war aus neuem Blickwinkel die „Achillesferse“. Ein Tag Kabelsalat und jetzt ist alles so umgeklemmt, das sowas nie mehr passieren kann. Erfahrung macht schlau… und man lernt ja nie aus… also letztlich wieder viel dazugelernt und eine Schwachstelle im System beseitigt. Alles gut gegangen und die Stimmung ist wieder gut. Auch Dank an Manfred, der uns mit seinem Super-ITler erneut bei der Surfacebook-Konfiguration geholfen hat (nun hab ich‘s kapiert) ;-). Jetzt noch einen zusätzlichen Tag in Zeebrugge zur Ruhe kommen und dann weiter Richtung Frankreich… juhuu…

Fortsetzung folgt…

6 Gedanken zu „Servus Deutschland… „Kurs West“

  1. Hallo ihr zwei,
    das sind ja dramatische Nachrichten. Man gut, dass das Handy euch eine weitere Redundanz vermittelt hat. Aber ihr seid gut angekommen, habt wieder dazu gelernt. Wir wünschen euch weiterhin eine gute und möglichst schadenfreie Fahrt.
    Karin und Wilfried, La Surprise

  2. Liebe Gerti, lieber Horst,
    habe gerade eure bisherigen Erlebnisse gelesen und mein Blutdruck ist doch deutlich angestiegen ob wohl ich ja auch schon einiges im Leben und auf früheren Reisen erlebt habe😳
    Ist ja reichlich was los im Ärmelkanal.
    Es ist schön das es heutzutage möglich ist auf diese Weise Eich zu begleiten.
    Bin schon gespannt auf Eure nächsten Erlebnisse 😜
    Spanender muss es aber nicht werden, nur abwechslungsreicher😂
    Ich wünsche Euch weiterhin viel Glück schöne Begegnungen und immer ne Handbreit Wasser unterm Kiel👍
    Gruß Mario

  3. Hallo ihr zwei. Da musstest ihr ja schon stressige Situationen durchleben. Nun darf es aber ruhig etwas entspannter verlaufen.Toi,toi,toi für die nächsten Etappen. Seid herzlich gegrüßt. Doris und Holger

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