Auf nach Estland….

Dienstag, 26.06.12:
Wir starten um 09:15 nach Estland, und zwar zur Insel Ruhnu, die mitten im Golf von Riga liegt. Billabong ist schon eine Stunde früher raus und hofft dem angekündigten Regen ausweichen zu können. Wir brauchen mal wieder eine Stunde länger, zumal nach dem gestrigen Schreck der Abend etwas länger wurde. Das musste bei ausgiebigem Essen und mächtigem Absacker erst verdaut werden. 😉 Der Hafenmeister ließ sich auch heute Morgen nicht mehr blicken – hat wohl ein mächtig schlechtes Gewissen. Nach 70 Minuten sind wir bei der Hafenausfahrt, der Daugava-Mündung, setzten bei fast achterlichem Wind mit 18 Knoten nur die Genua und rauschen mit 6 Knoten Fahrt direkt auf Zielkurs dahin. Der Wind hielt so allerdings nicht lange. Er wurde stetig schwächer, drehte dabei von SW auf SE und zum Schluss auf NE. Zwischendurch eine kleine Dusche von oben (auch Billabong erwischt es), doch das kann uns im Ölzeug nichts anhaben. So können wir bei gutem Trimm und einem langen Tag, tatsächlich den größten Teil segeln und brauchen den Motor erst ab dem Gretagrund für die letzten Meilen. 🙂

Insel Ruhnu im späten Abendlicht in Sicht und davor das unsichtbare Flach des Gretagrunds.

Wir liegen im sicheren, halbleeren Hafen von Ruhnu und genießen den Sundowner beim späten Sonnenuntergang.

Mittwoch, 27-06.12:
Hafentag in absoluter Natur pur: Ausschlafen, frühstücken und Wäsche waschen (3 Ladungen voll). Es wurde höchste Zeit, nachdem der geplante Waschtag in Riga, wegen defekter Waschmaschine, ausfiel (Trockner gab es dort auch keinen). Betten neu beziehen, Schiff putzen und alles ist wieder blitzsauber. Waschmaschinen-Nutzung kostet pro Füllung 4,25 € (inkl. Trockner-Nutzung) und funktionierte bestens. Mittag essen (Gerd hat lecker gekocht) und dann ein wohlverdientes Nickerchen bei absoluter Ruhe. 🙂

Am Nachmittag kleine Fahrradtour zum Dorf, das zu Fuß relativ weit und auch mit dem Fahrrad (gefühlt) einige Kilometer weiter als angegeben ist. Es liegt sehr einsam und inmitten schöner Natur.

Hier steht auch die älteste Holz-Kirche Estlands.

Und da hat wer die Kurve nicht bekommen und steckt fest.

Im Hafen zurück treffen wir die SY Kiwi aus Heiligenhafen mit Gerd, einem Segelfreund von Sigrid. Nette Begrüßung. Es liegen 4 deutsche und 4 finnische Yachten im Hafen und der Hafenmeister hat die entsprechenden Länder-Flaggen an seinen Fahnenmasten gesetzt. Eine sehr aufmerksame Wertschätzung. Man merkt, dass wir wieder in einem anderen Land angekommen sind. Abends gönnen wir uns eine Runde Sauna (1 Std. 20,- € für die komplette Sauna). Teuer aber herrlich und ich sitze erstmals in einer Sauna mit Blick durch ein eingebautes Fenster auf Hafen und Meer. Toll. 🙂
Hafengeld: 20,- € für alle Boote bis 13 Meter Länge (ohne Unterschied), das ist leider auch teurer als bisher und ungünstig für kleine Schiffe mit kleinen Crews. Aber der Hafen ist blitzsauber und von guter Qualität. Sanitäre Anlagen sind bestens und im Vergleich zum Riga-Stadthafen um Welten besser. Wir stimmen das Ziel für den nächsten Tag ab und überlegen eine Alternative zu Virtsu, da uns mehrere Segler von Virtsu abgeraten haben (laute Fähren mit Schwell und auch sonst nicht schön). Vom Hafenmeister bekamen wir den Tipp, dass in Kuivatsu (gegenüber von Virtsu, auf der Insel „Muhu“) seit einer Woche eine ganz neue Marina eröffnet hat. Es gibt zwar keine genauen Angaben, steht auch nicht im Hafenhandbuch, doch da zumindest die Ansteuerung zum Fähranleger beschrieben ist, wollen wir da hin und sind uns mit Billabong einig.

Donnerstag, 28.06.12:
Aufstehen um 05:00 und ablegen um 07:00. Diesmal vor der Billabong. Auch wir schaffen mal einen Frühstart. 😉  Draußen bis zur Ansteuerungstonne und dann in sicherem Abstand um die Südspitze der Insel rum. Billabong folgt uns in einer Meile Abstand. Wind ist aus NW zwischen 8 und 11 Knoten und unser Zielkurs ist fast genau Nord. Wir können auf Aufwindkurs knapp 5,5 Knoten laufen. Die Sonne wechselt sich mit Wolken ab und wenig Welle. Hervorragend. Was will man mehr. 🙂

Das geht fast die ganze Strecke so und wir kommen fast gleichzeitig vor Kuivatsu an. Da wir in Ruhnu noch ein PDF des neuen Hafens aus dem Internet runterladen konnten, laufen wir von Billabong gefolgt zuerst in den Hafen ein. Ist alles ausreichend tief und gut betonnt.

Nur wenige Yachten liegen im Hafen und wir legen uns an dem ersten Schlengelsteg, an dem gerade die letzten Arbeiten am Stromverteiler durchgeführt wurden. Ausgerechnet wieder dieses Thema. Darauf reagieren wir sehr sensibel und messen das nach bevor wir anstecken. Alles vorbildlich. So muss es sein. 🙂   Plötzlich stinkt es ganz fürchterlich, so als ob im Hafen jemand Gülle fährt. Uaaahhh… Der Hafenmeister, der uns gerade am Steg begrüßt, entschuldigt sich für diesen Gestank und deutet auf einen riesigen Schweinetransporter, der gerade auf die Fähre wartet. Kaum zu glauben, das aus so einem Laster so ein Gestank kommen kann, doch der Wind steht tatsächlich genau aus dieser Richtung und als der Transporter endlich auf die Fähre verschwand, ist der Gestank weg (auf der Fähre, wird jetzt sicher beste Stimmung sein). 😉  Der Hafen ist ganz toll angelegt. Alles neu und vom Feinsten, insbesondere die Sanitäranlagen (selbstverständlich mit Sauna). Nur das Hafengeld ist mit 22,50 € recht teuer, denn der Preis gilt wie in Ruhnu für alle Boote bis 13 Meter (ist auch der gleiche Betreiber). Wir kochen an Bord leckere thailändische Pasta und lassen den Abend ruhig ausklingen. Vom Fährbetrieb bekommen wir nur wenig mit (es kamen auch keine weiteren Schweinelaster). 😉  Ist also die scheinbar deutlich bessere Alternative zu Virtsu.

Freitag. 29.06.12:
Wieder früh aufstehen und um 08:00 ablegen, denn wir wollen nach Haapsalu, einem interessanten Kurort, und dort frühzeitig eintreffen, um den Ort ausgiebig anzusehen. Der Weg dahin ist gespickt von Seezeichen und engen Fahrwassern. Beim Blick in die Seekarten bin ich erst mal irritiert, welcher Weg da am besten durch dieses Tonnen-/Untiefen-Wirrwarr führt. Beim genaueren Betrachten ist es jedoch ganz klar, nur muss man sehr vorsichtig navigieren. Ich habe das noch mit Peter und Sybille von der Billabong abgestimmt und sie meinen – „da kannst du dich gleich mal auf die Schären-Navigation einstellen, das ist dort laufend so.“ Na bravo, mir ist tiefes Waser viel lieber, aber was soll’s, das schaffen wir schon. Die in der Karte und auf dem Plotter eingezeichneten Tonnen stimmen nicht genau mit der Realität überein (!) und wir halten gut Ausschau. Ein Tonnenpaar hätten wir beinahe übersehen, weil zwischen lauter dicken Tonnen, ein Paar nur aus dünnen farbigen Stangen bestand. Ging aber alles glatt und so lagen wir am frühen Nachmittag sicher am hintersten Steg im Haapsalu Yachtclub.

Es gibt 3 Marinas hintereinander, wobei wir der Empfehlung aus dem Buch von Jörn Heinrich gefolgt sind. Die Marina ist in bestem Zustand (auch tolle sanitäre Anlagen) und das Hafengeld beträgt nur 10,- € (so geht es also auch noch). 🙂  Der Ort ist fußläufig gut erreichbar (ca. 1 Km) und lohnt sich wirklich. Tolle uralte Burganlage, viele sehr schöne Häuser und alles ansprechend angelegt.

Außerdem hat Haapsalu den Bahnhof mit dem (zur Zeit seiner Entstehung im Jahre 1907) mit 214 m längsten überdachten Bahnsteig Europas, der für den Zaren gebaut wurde. Der Bahnhof ist heute nur noch Baudenkmal und Museum mit mehreren riesigen davor abgestellten Lokomotiven (Frank, das wäre was für dich). 😉

Samstag, 30.06.12:
Wir wollen in 2 Tagen in Tallinn sein und da für heute super Wind angesagt ist, soll es heute ein großer Schlag von rund 50 Meilen werden. Also wieder um 08:00 ablegen, durch das enge Fahrwasser vorsichtig rausfahren und dann Segel setzen. Dabei kommt uns ein ganzes Regattafeld entgegen, das am Abend vorher in Tallinn gestartet ist. Schöner Anblick. Als wir freies Wasser erreichen, können wir mit raumen Wind super segeln und kommen mit rund 6 Knoten gut voran. Am Kap vor Dirhami können wir auf Halbwindkurs anluven und spüren die volle Kraft des Windes. Bei über 20 Knoten unter Vollzeug legt es uns satt auf die Seite, so dass wir sofort Groß und Genua ins 1. Reff legen. So geht es wunderbar und entspannt wir ziehen bei wenig Welle mit über 7 Knoten weiter. Das ist der schnellste Surf der letzten Wochen. Wir sind begeistert. Die Meilen fliegen mit der Gischt nur so vorbei und wir sind sehr viel früher als geplant in Lohusalu.

Billabong wollte heute eigentlich nur bis Dirhami, um auch diesen Hafen zu sehen, doch bei dem Wind war sie ruckzuck an Dirhami vorbeigesegelt und ließ es weiterlaufen. Wen wunderst. 😉 Peter teilte uns das über Funk mit und ich musste grinsen, weil ich das fast schon erwartet hatte. Also haben wir wieder einen schnellen Verfolger im Nacken. Bei diesen Bedingungen läuft die HR 36 knapp einen Knoten schneller als Arielle und ich sehe ihre Segel bereits hinter uns am Horizont auftauchen. Es ist immer wieder das Gleiche, „ein Schiff ein Fahrtenschiff, zwei Schiffe eine Regatta“. 😉  Arielle legt sich mächtig ins Zeug und wir kommen u.a. auch durch unseren Vorsprung etwas früher in Lohusalu an, bekommen einen sehr guten Bojenplatz am Steg und nehmen kurz drauf die Billabong an. Der Hafen ist inzwischen schon ziemlich voll und wir mussten mit freundlicher Unterstützung von 5 Finnen ein Boot verholen, damit eine neue Lücke für Billabong entstand.

In Finnland haben inzwischen die Ferien begonnen und dass merken wir seit ein paar Tagen deutlich. Immer mehr finnische Yachten tauchen auf. Die Schiffe im Hafen sind dann auch zur Hälfte finnisch und erstaunlicherweise zur Hälfte auch deutsch. Der Hafen ist sehr schön gelegen und auch die Sanitäranlagen (inkl. Sauna) sind richtig nobel. Auch hier haben wir wieder das Preisphänomen. Jede Boje kostet gleich viel, egal ob ein 50-Fuß-Schiff mit 10 Personen anlegt oder ein 9-Meter-Boot mit einer Person. Scheinbar wieder der gleiche Betreiber und wieder die gleiche Summe von 22,50 €. Trotzdem ist der Hafen absolut zu empfehlen. Nur den Fußweg ins Dorf sollte man sich nicht antun, denn das ist ewig weit und lohnt sich nicht, da es gar kein richtiges Dorf gibt, sondern nur verstreut liegende Häuser. Abends gab es in der Marina ein Live-Konzert mit guter Musik und Tanz. Ich war jedoch von den vergangenen kurzen Nächten so müde, dass ich Schlaf-Nachholbedarf hatte und bald in der Koje verschwand. Für den nächsten Tag war auch ausschlafen angesagt, da wir nur noch 22 Meilen von Tallinn entfernt sind.

Sonntag, 01.07.12:
Endlich mal wieder lange schlafen, ausgiebig duschen und frühstücken, dann geht es um 11:15 los, Richtung Tallinn. Ein traumhafter Sommertag, der erste wirklich warme Tag seit vier Wochen. Nur wenig Wind, von halb bis raum. Ungünstig für normale Segel, perfekt allerdings, um endlich auch mal den neuen Blister auszuprobieren. Der will ja schließlich auch mal aus dem Sack 😉 und das ist sein Wind! Gesagt, getan. Und völlig reibungslos stand er kurz drauf, nach einem sich öffnenden „plopp“, prächtig dunkelblau leuchtend am Himmel (schöner Gruß an Haase).  🙂

Herrlich, doch nach eine Stunde verließ uns der Wind ganz und wir mussten ihn wieder einpacken. Nach einer Stunde das gleiche Spiel noch mal und dann den Rest mit Motor. Im alten Pirita-Olympiahafen, noch an die Tankstelle, damit der Tank wieder voll ist und dann bei der hinteren Marina, dem Kalev-Yachtclub festgemacht. Ist gerade günstig, weil ca. 20 Yachten zu Regatten unterwegs sind. Wir haben einen sehr guten Platz und links und rechts sehr nette deutsch und englisch sprechende Esten. Einem Nachbar-Pärchen gehört sogar ein Yacht-Zubehörshop im Hafen (Pirita Paadipood, Tommylyy) und ich bekomme da endlich meinen zusätzlichen Bojenhaken und die lange gesuchten großen Karabiner (und das zu sehr fairen Preisen). 🙂   Manches fügt sich eben von selbst. 🙂 Wir bekommen beste Tipps, bzgl. Einkaufen, Restaurants und Kaffees, Sightseeing, usw., gehen dann im Hafen-Restaurant Steaks essen und anschließend im etwa 500 Metern entfernten riesigen Supermarkt ordentlich einkaufen (hat bis um 23:00 Uhr offen). Als ich dort um 22:03 einen Wein aus dem Regal nehme, spricht mich ein Security-Mann an und erklärt mir freundlich aber bestimmt, dass es jetzt 3 Minuten zu spät ist um Alkohol zu kaufen! Alles andere könnte ich jedoch noch kaufen. Es gibt in Estland ein Gesetz, das den Verkauf von Alkohol in der Zeit von 22:00 bis 10:00 untersagt. Schwer zu verstehen, doch andere Länder andere Sitten. Nachdem ich begriffen hatte, dass dies kein Scherz ist, stellen wir Bier und Wein eben wieder zurück ins Regal und nehmen den Rest mit. U.a. gibt es auch unglaublich tollen Kuchen und Torten zu kaufen. Der Versuchung können wir nicht widerstehen, nahmen einen leckeren Sahneschokokuchen mit, den wir uns um 23:00 noch an Bord gönnen, sozusagen als Betthupferl. 🙂

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